D'Bluescht
«D’BLUESCHT»
BETRACHTUNGEN EINES EX-OBSTBAUERS
Ein Baum steht vor mir. Sein Stamm ist so mächtig, dass ich ihn kaum mit den Armen umfassen kann. Die untersten, hängenden Äste enden genau auf der Höhe der immer hungrigen, sich gegen oben streckenden Schafe. Weit oben folgt der Mitteltrieb keiner geraden Linie in den Himmel, sondern einer sanft schwankenden Kurve – mal nach links, mal nach rechts, geformt durch den jährlichen Schnitt. Seitlich ragen vier kräftige Leitäste heraus, fast so stark wie der Mitteltrieb selbst. Sie bilden die mehr oder weniger gelungene Oeschbergkrone, noch heute eine gängige Form, um Hochstammobstbäume zu erziehen.
Ich erinnere mich, wie ich jeweils mit zwei Leitern beim Baum stand: einer kurzen, mit zwanzig Sprossen für die obere, und einer langen, mit mindestens dreissig Sprossen für die untere Seite. Der Baum steht – wie seine rund hundertfünfzig Kollegen – in einer wunderschön hügeligen Weide in Böckten. Noch ist Winter, die Blüten schlafen tief.
Achtzehn Jahre lang durfte ich rund dreihundert Hochstammobstbäume pflegen. Die Hälfte davon waren Kirschbäume. In diesen Jahren fand mein Winter auf den Bäumen statt. Im März begann jeweils der Endspurt: der Schnitt musste abgeschlossen, alle am Boden liegenden Äste geräumt und zu Haufen geschichtet, damit sie später gehäckselt und zu den Holzschnitzelfeuerungen abgeführt werden konnten. Kaum waren die letzten Äste versorgt, begann die Blüte. Die Bäume dankten mit einem strahlenden weiss, jedes Jahr ein Wunder. Ich konnte stundenlang unter den Bäumen weilen, dem Summen der Bienen lauschen und auf eine gute Befruchtung hoffen. Nach wenigen Tagen begannen die weissen Blütenblätter sich zu lösen, das Gras wurde ganz weiss und die Bäume grün.
Noch heute – sechs Jahre nachdem ich der Arbeit auf dem Hof den Rücken gekehrt habe – denke ich oft an die vielen Stunden hoch oben im Geäst zurück. Allein mit der Natur, nur mit Handsäge und Rebschere ausgestattet, immer begleitet von der Gefahr, von grosser Höhe abzustürzen. Wir verschlossen uns dem Fortschritt nicht: Gemeinsam mit dem Nachbarn pflanzten wir eine Tafelkirschenanlage mit kleinen, bodennahen Bäumen, geschützt durch ein temporäres Plastikdach und Netze gegen Schädlinge. Hochstamm und Niederstamm – beides hatte Platz, beides hatte seine Berechtigung. Auch kleine Bäume blühen schön!
In den letzten zehn Jahren hat sich vieles verändert. Viele Bäume werden nicht mehr gepflegt, nicht mehr geerntet, nicht mehr geschätzt. Die Gründe sind mannigfaltig, aber stichhaltig. Auch ich steige kaum noch auf Bäume. Doch viele stehen noch da und erfreuen uns weiterhin auf unseren Wanderungen. Darum: Besuchen wir sie, solange es sie noch gibt!
Wir haben drei Wanderungen zusammengestellt, die wir empfehlen können. Eine davon führt direkt zu den oben erwähnten Bäumen auf dem Wisler in Böckten. Die Wanderung beginnt beim Bahnhof in Gelterkinden und führt steil hinauf zur Abzweigung kurz vor dem Sonnenhof. Dort begegnen wir bereits einer modernen Kirschenanlage. Auf dem flachen Weg Richtung Böckten, werden wir von einzelnen alten Bäumen begleitet. Nach einem kurzen Waldstück treten wir mitten in gut gepflegte Obstgärten hinaus. Der – leider asphaltierte – Weg führt uns hinauf zum obersten Hof in Böckten, dem stolzen Hofgut Wisler mit zwei prächtigen, alten Bäumen: der Linde vor dem Haus und der Rosskastanie am Waldrand mit der berühmten Baumschaukel, so hoch angesetzt, dass sie riesige Schwünge erlaubt.
Wer Zeit hat, biegt vor dem Hof rechts zur Weide ab. Ist das Gatter offen, sind ein paar Schritte hinein bestimmt gestattet. Hier habe ich Monate auf den Bäumen verbracht – beim Schnitt ebenso wie bei der Ernte, die nur dank vieler freiwilliger Helfer:innen möglich war. Neben Tafelkirschen produzierten wir vor allem kleine schwarze Kirschen, die entsteint und getrocknet wurden, für die Direktvermarktung. Zurück beim Hof führt der Weg in den Wald und anschliessend nach Sissach. Der Pfad ist nicht einfach zu finden; die Karte sollte regelmässig konsultiert werden, da unser Weg mehrmals die Richtung wechselt. Bei der Holzkugelbahn des Erlebnispfades kommen wir wieder aus dem Wald, der Isletenhof liegt vor uns und wir queren eine Vielzahl wunderschöner Kirsch-, Zwetschgen- und Apfelbäume. Auf dem Isletenweg Richtung Fluhberg blicken wir hinab zu den Obstplantagen des Fluhbergs, bevor wir in Richtung Voregg und Schneite abbiegen. Nachdem wir die oben erwähnte, mit Plastik gedeckte Kirschenanlage hinter uns gelassen haben, nähern wir uns zügig dem Gasthaus Alpbad.
Es lohnt sich sehr, dort eine Rast einzulegen.
Pascal Benninger
Landwirt auf dem Isletenhof, Sissach von 2000 bis 2020 (Pächter der Obstbäume auf dem Hof Wisler, Böckten von 1999-2018)
Diese Wanderung mit der Möglichkeit sie auf SwissTopo zu speichern, finden Sie hier
Lust auf mehr Blueschtwanderungen? Wie wär's mit Anwil nach Bad Ramsach oder Liestal über Stollenhäuser nach Arlesheim.
Achtung: Die Wanderungen folgen nicht den offiziellen Wanderwegen, es braucht ein aufmerksames Kartenstudium.
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